Kunst

Vom Geiste erweckt

Von Alexandra Grossmann · 2015

Tausende Menschen zieht es in Konzerte, Ausstellungen und Museen. Über den Wert und die Rolle kultureller Identität.

Kunst und Kultur haben einen hohen Stellenwert in der Schweiz. Die meisten Eidgenossen besuchen Veranstaltungen, Ausstellungen und Museen, gehen auf Konzerte oder Vernissagen. Nach der letzten Studie des Bundesamts für Statistik zum Verhalten der Schweizer Wohnbevölkerung besuchten im Jahr 2008 mehr als 90 Prozent eine Kulturinstitution, 42 Prozent das Theater und 35 Prozent Festivals – mit unverändert hoher Tendenz. Auch eigene kulturelle Aktivitäten wie Fotografie, bildende Kunst oder Musik sind beliebt. 
Doch woher rührt dieses Interesse an Kunst und Kultur? Kultur kommt von lateinisch «colere», also pflegen, urbar machen und «cultura», was Landbau, Anbau und Bebauung heisst. Damit ist die zentrale Bedeutung klar: Kultur ist das, was der Mensch gemacht und geschaffen hat, im Gegensatz zu dem von der Natur Hervorgebrachten. 

Jede Kultur ist einzigartig

Die Kultur eines Landes – unseres Landes –, ist geprägt durch ihre Geschichte, ihre Sprache und die Gesamtheit dessen, was die Bewohner hervorgebracht haben. Darin ist sie einzigartig: Jede Kultur hat ihre Besonderheiten und ihre eigenen Ausprägungen. Die Menschen nehmen diese auf und formen und entwickeln sie weiter. So entsteht eine eigene kulturelle Identität innerhalb einer Gruppe, an der sich die Mitglieder orientieren und aus der sich ihre Zusammengehörigkeit speist.
Kunst als etwas vom Menschen geschaffenes, ist Teil der Kultur. In der Kunst spiegeln sich kulturelle Entwicklung und Identität. In der Kunst erfinden und erschaffen Menschen in einem kreativen Prozess etwas Neues, das Kulturprodukt Kunstwerk. Seit der Aufklärung gelten vor allem die Schönen Künste als Kunst mit der bildenden und darstellenden Kunst, Musik und Literatur als klassische Gattungen.
So haben Kunst und Kultur in der Schweiz ihre eigene, einzigartige Ausprägung bekommen. Neben der parallelen Entwicklung in den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch haben sich typisch schweizerische Besonderheiten entwickelt, zum Beispiel die aus dem Calvinismus resultierende Arbeitsethik, die Fleiss, Ehrgeiz und wirtschaftlichen Erfolg an erste Stelle stellt und bis in die heutige Zeit die Zuverlässigkeit Schweizer Banken und Schweizer Uhren zur Folge hat.

Das beliebteste Kinderbuch

Auch literarische Figuren prägen bis heute das Selbstverständnis der Eidgenossen und ihr Bild im Ausland: Die Erzählungen «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat» von Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881 gehören zu den am meisten übersetzten und beliebtesten Kinderbüchern der Welt. Die Geschichten über das Waisenmädchen Heidi, das zu ihrem als Einsiedler lebenden Grossvater auf eine Almhütte geschickt wird, ihre Freundschaft zum Geissenpeter und dem kranken Stadtmädchen Klara prägten ein romantisches und ideales Bild des Lebens in den Alpen, das bis heute weit verbreitet ist. «Heidi» diente allein sechs Mal als Vorlage für Comic- und elf Mal für Spielfilme, es gibt vier Fernsehserien sowie vier Musicals.

Bis heute ein Held

Noch berühmter über die Landesgrenzen hinaus ist die Sage von Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell, dessen Geschichte Friedrich Schiller mit dem Drama «Wilhelm Tell» veröffentlichte und das 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt wurde. 
Der Freiheitskämpfer, der wahrscheinlich um 1300 in der Zentralschweiz lebte, ist bis heute eine der wichtigsten Identifikationsfiguren der Eidgenossenschaft. Die Geschichte um Wilhelm Tell wurde zunächst nur mündlich überliefert, erschien 1472 und 1477 in zwei Schriften und wurde Anfang des 14. Jahrhunderts in die Luzerner Chroniken aufgenommen. Über die Jahrhunderte tauchte die Figur immer wieder auf und wurde schliesslich im 19. Jahrhundert als Widerstandskämpfer zum Nationalhelden. Sowohl André-Ernest-Modeste Grétry als auch Gioachino Rossini komponierten über die Apfelschuss-Sage eine Oper; es entstanden Hörspiele, Filme, Theaterstücke und ein Musical.
Wie diese berühmten Beispiele im Grossen haben sich unzählige andere Kunstwerke und Kulturprodukte der Schweiz im Kleinen in der gemeinsamen Geschichte fortgesetzt. Jodeln oder das Alphorn zählen zum Volksbrauchtum, Künstler wie Angelika Kauffmann und Ferdinand Hodler als Maler, Alberto Giacometti und Jean Tinguely als Bildhauer oder Artur Honegger und Andreas Vollenweider als Komponisten, haben bleibende Kunstwerke geschaffen, die bis heute die Menschen Jahr für Jahr in Schweizer Museen und Konzerthallen locken.