Grünstrom

Schweiz setzt auf Grünstrom

Von Wolfgang Zügel · 2015

Seit der Schweizer Bundesrat den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat, entwickelt er Alternativen zur Sicherung der Stromversorgung bis 2050.

Die Jungfrau-Region im Berner Oberland ist eines der touristischen Vorzeigegebiete der Schweiz. Zum Jahreswechsel wird dieses Gebiet weitgehend mit Grünstrom versorgt. Wie die Industriellen Betriebe Interlaken (IBI) mitteilten, versorgen die IBI die meisten Teile des Bödeli – die touristisch stark genutzte Region zwischen dem Thuner- und Brienzersee – mit Energie. Seit 1995 sind die IBI eine selbstständige, öffentlich-rechtliche Unternehmung der Gemeinde Interlaken.
Den Verbrauchern werden verschiedene Strompakete angeboten: Der Bödeli Blaustrom enthält zehn Prozent Strom aus lokaler Wasserkraft und 90 Prozent aus weiteren Schweizer Wasserkraftwerken. Der Bödeli Grünstrom enthält zehn Prozent Sonnenstrom und zehn Prozent Wasserstrom aus lokaler Produktion sowie 80 Prozent aus weiteren Schweizer Wasserkraftwerken. Und der Graustrom, der ohne nachweisbare Herkunft ist und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Strom aus Kern- und Kohlekraftwerken enthält. Standardmässig werden alle Verbraucher mit Strom der Qualitätskategorie Bödeli Blaustrom beliefert. Ab Mitte August besteht die Möglichkeit, eine andere Kategorie zu wählen.

Energiestrategie 2050

Der Umstieg auf Grünstrom ist eine Konsequenz der Strategieänderung des Schweizer Bundesrates. Schon im September 2012 wurde die «Energiestrategie 2050» vorgelegt. Ziel ist eine langfristige, sichere Versorgung des Landes mit Strom nach dem Beschluss zum schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. Auch der Anteil der fossilen Energie soll mit den Jahren sinken. Dafür wird die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft ausgebaut, ebenso der Bereich erneuerbarer Energien. Zusätzlich sollen die Bemühungen um Energieeffizienz gesteigert werden.
Wie nötig ein Umsteuern ist, zeigt ein Blick auf die Zusammensetzung der Stromproduktion 2014. Nach Angaben des Bundesamtes für Energie lag der grösste Anteil mit 37,9 Prozent bei der Kernenergie, gefolgt vom Strom aus Speicherkraftwerken (31,7 Prozent), aus Laufwasser-kraftwerken (24,7 Prozent), aus thermischen Kraftwerken (3,5 Prozent, konventionell und erneuerbar) und bescheidene 2,2 Prozent aus diversen erneuerbaren Energien.

Discounter Aldi prescht vor

Bei der Trendwende gehen Unternehmen mit gutem Beispiel voran. So investiert der Discounter Aldi in grünen Strom. Auf dem Dach der zukünftigen Verteilzentrale in Perlen im Kanton Luzern soll nach eigenen Angaben die grösste Photovoltaikanlage der Schweiz entstehen. Geplant ist ein Solarkraftwerk mit einer maximalen Leistung von 5,8 Megawatt und einer Gesamtfläche von 45'000 Quadratmetern. Dies entspricht einer Fläche von ungefähr sechs Fussballfeldern. Mit der jährlichen Produktion von 5,4 Gigawattstunden (GWh) könnten rund 1'100 Haushalte versorgt werden.
Die bis jetzt grösste Photovoltaikanlage in der Schweiz hat die Konkurrentin Migros 2013 in Neuendorf SO gebaut. Diese Anlage weist eine Gesamtfläche von 32'000 Quadratmetern und eine jährliche Leistung von 4,8 Gigawattstunden aus. Insgesamt hält das Bundesamt das Potenzial von Solarstrom für beträchtlich: Bis zum Jahr 2050 könnten rund 20 Prozent des derzeitigen Strombedarfs durch Photovoltaik erzeugt werden.

Windkraft gegen die Winterlücke

Auch beim Ausbau der Windenergie sieht das Bundesamt noch grosse Chancen. Bis zum Jahr 2020 sollen Windenergieanlagen rund 600 GWh Strom pro Jahr produzieren. Bis 2050 sollen es 4'000 GWh sein. Geeignete Standorte befinden sich auf den Jurahöhen, aber auch in den Alpen und Voralpen und im westlichen Mittelland. Windenergieanlagen nutzen die kinetische Energie der anströmenden Luft zur Rotation der Flügel. Die auf diese Weise erzeugte mechanische Energie wird von einem Generator in elektrische Energie umgewandelt. Strom aus Windrädern eignet sich zur Schliessung der Winterlücke, wenn die Erzeugung von Solarstrom naturgemäss geringer ausfällt.
Aber auch andere Arten der Energieerzeugung, wie Biomasse oder Umgebungswärme, können den Anteil erneuerbarer Energien steigern. Umgebungswärme ist natürlich und überall verfügbar: In der Luft, im Erdreich, im Grundwasser, im See- und Flusswasser wird die täglich anfallende Sonnenenergie gespeichert. Rund die Hälfte des Schweizerischen Energieverbrauchs wird für die Raumheizung und die Warmwasserbereitung benötigt. Mit dem breiten Einsatz von Wärmepumpen könnte eine erhebliche Reduktion der CO2-Emissionen und des Verbrauchs fossiler Brennstoffe erreicht werden. Biomasse bezeichnet sämtliches durch Photosynthese direkt oder indirekt erzeugtes organisches Material, im Gegensatz zur fossilen Biomasse, wie Erdöl, Kohle oder Erdgas. 
Langfristiges Ziel des Bundesrates mit der «Energiestrategie 2050» ist es, den Stromverbrauch zu senken, dabei das Energieangebot verbreitern, die Importe beibehalten, die Netze ausbauen und die Energieforschung zu verstärken.