Nachhaltigkeit

Die Weichen für eine grüne Zukunft sind gestellt

Von Manuel Lippert · 2015

In der Schweiz sind 550 Wasserwerke in Betrieb.

Volle (Wasser-)Kraft voraus! Die Schweiz macht sich fit für die Energiewende. Erneuerbare Energien sollen verstärkt gefördert werden, um sich langfristig von fossiler Energie unabhängig zu machen.

Die Schweiz ist nicht nur bekannt für ihre Berge, Seen und idyllischen Landschaften, sie steht auch seit jeher für einen hohen Qualitätsanspruch und ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt als Sammelbecken für kreative und innovative Ideen. So kommt es nicht von ungefähr, dass es ausgerechnet zwei Eidgenossen sind, die derzeit mit einer bewundernswerten und gleichwohl waghalsigen Aktion Pionierarbeit leisten, um das Bewusstsein für eine Energiewende zu schärfen und eine nachhaltige Energiepolitik zu forcieren. Im März dieses Jahres haben sich die Abenteurer Bertrand Piccard (57) und André Borschberg (62) mit einem Solar-Flugzeug auf den Weg gemacht, die Erde zu umrunden – ein Rekordversuch. Ihre himmlische Mission: Sie wollen die breite Öffentlichkeit sowie Politiker und Unternehmer zu mehr Einsatz für erneuerbare Energien bewegen. 

Dank Wasserkraft über EU-Niveau

Und die Schweiz bewegt sich. Zwar ist auf dem regenerativen Energie-Sektor noch Luft nach oben, denn im Gegensatz zu fossilen Energien schöpft die Schweiz bislang nur einen überschaubaren Teil ihres Potenzials an erneuerbaren Energien aus. Der Endverbrauchsanteil aller erneuerbaren Energien im Jahr 2013 lag aber immerhin bei 21,1 Prozent. Die EU hat sich übrigens bis 2020 zum Ziel gesetzt, 20 Prozent ihres Energieverbrauchs mit erneuerbaren Energien zu decken. Der relativ hohe Anteil an erneuerbaren Energien in der Schweiz setzt sich hauptsächlich aus Wasserkraft (12,7 Prozent) und Biomasse (4,8 Prozent) zusammen. Umweltwärme, Sonne, Wind, erneuerbare Anteile aus Abfall, biogene Treibstoffe und die Energienutzung aus Abwasserreinigungsanlagen decken zusammen nur 3,6 Prozent des Endenergieverbrauchs. 
Ungleich deutlicher sticht die Wasserkraftnutzung bei der Stromerzeugung hervor. Dabei kann die Schweiz auf ihr unerschöpfliches Wasserreservoir zurückgreifen: Zurzeit sind 550 Wasserkraftwerke in Betrieb. Mehr als 56 Prozent der Netto-Elektrizitätsproduktion werden durch Wasserkraft generiert. Zum Vergleich: An der globalen Stromerzeugung hat die Wasserkraft nur einen Anteil von 15,9 Prozent.

Energiestrategie 2050: Zukunft sauber gestalten

Eine nachhaltige Energiepolitik muss jedoch langfristig eine vollumfängliche Energieversorgung unabhängig von Kohle, Erdgas, Erdöl und Kernenergie gewährleisten können. Bis voraussichtlich 2034 verlassen wir Eidgenossen uns noch auf Atomkraft, die derzeit etwa 41 Prozent der Haushalte mit Strom versorgt. Der Verzicht auf Kernenergie und der Umbruch auf dem Energiemarkt sind also absehbar, wenn auch nicht so drastisch wie etwa in Deutschland. Die politische Grundlage für die Energiewende stellt die «Energiestrategie 2050» dar. Sie ist ein vom Bundesrat erarbeiteter Masterplan für die sukzessive Umstrukturierung des Schweizer Energiesystems, das die Klima- und Energiepolitik ab 2020 grundlegend verändern wird. Übergeordnetes Ziel ist eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien. In einem Mehr-Etappen-Plan sollen die vorhandenen Energieeffizienzpotenziale konsequent erschlossen, vorhandene Potenziale der Wasserkraft ausgewogen ausgeschöpft sowie erneuerbare Quellen wie Sonne, Wind und Biomasse ausgebaut werden. Zudem soll im Rahmen der «Energiestrategie 2050» die Begrenzung der Fördergelder für Strom aus erneuerbaren Energien aufgehoben werden.

Energiesteuer? Nein danke!

Die Bevölkerung hingegen scheint nur bedingt bereit, die Energiewende mittragen zu wollen. So scheiterte zuletzt die Initiative «Energie- statt Mehrwertsteuer» der Grünliberalen Partei (GLP) an einem niederschmetternden Nein-Votum. Bei einer Volksabstimmung votierten 92 Prozent gegen das Vorhaben, die Mehrwertsteuer durch eine Steuer auf den Verbrauch von nicht erneuerbaren Energien wie Erdöl, Gas und Kohle zu ersetzen. Mit Erfolg hatten Gegner ein Horror-Szenario aus Steuerausfällen und dramatisch höheren Energiepreisen (allein der Benzinpreis könne sich auf rund drei Franken erhöhen) entworfen. Der Vorschlag zum «Königsweg der Energiewende» fuhr das zweitschlechteste Ergebnis in der langen Geschichte Schweizer Volksabstimmungen ein. 
Um die Zukunft grün zu gestalten, müssen jedoch alle an einem Strang ziehen. «2015 kann zu dem Jahr werden, in dem wir aufhören, unseren Planeten zu zerstören», sandten die Umwelt-Aktivisten Piccard und Borschberg vor ihrem Start mit der «Solar Impulse 2» eine unmissverständliche Botschaft aus: Saubere Technologie braucht die Mitwirkung aller Beteiligten.